
Fläche zu gestalten kann bedeuten, aus der Fläche in den Raum zu gelangen. Solche
elementare Verzahnung wird man an den Reliefs von Breitenstein beobachten können. Um
die Geschlossenheit des Reliefs zu verstehen, sollte man seine innere Verweisstruktur
entziffern. Man wird aber darüber hinaus das Eigene in den Grenzen des Reliefs im
Unterschied zu dem charakterisieren, auf das es anspielt, an das es sich annähert oder von
dem es sich distanziert. Dieses „Etwas" sehe ich zunächst im Raum, dann im Menschen und
schließlich in der Kunst an sich als bereits vorhanden an.
Es gibt in Breitensteins Arbeiten Hinweise auf solche Kommunikation mit dem Äußeren,
dem, was eigentlich nicht zum Körper der Arbeit gehört, aber was diesen Körper definiert.
Auf diese Art verhalten sich analytische Erfahrung und ganzheitliches Empfinden zueinander.
In dieser Weise tritt die Reliefarbeit aus der Fläche in den Raum und spiegelt durch den
Standpunkt des Betrachters die Bedingungen im Raum.
Man wird die innere Struktur - das Wesen der Arbeit in sich - durch das Zusammenspiel der
einzelnen Elemente erklären können. Den Kern der einzelnen Bestandteile wird man aber nur
dann verstehen, wenn die Möglichkeiten des Raums mit einbezogen werden. Ich möchte hier
zunächst diesen Bogen um die Wirkung der Gesamtarbeit herum, über die Besonderheiten der
Teile des Reliefs hinaus in den Raum und wieder zurück zur Komposition als Ganzes
spannen. Damit stellen sich die Reliefarbeiten auch in ein Verhältnis zur Objektkunst
insgesamt.
I. Raum und Fläche
Relief ohne Raum ist nicht denkbar. Mit dieser Setzung gelangt man vom Denken der Fläche
als einer zweidimensionalen Struktur zur Struktur auf einer Fläche mit einer dritten
Dimension, die sich in den Raum hinaushebt. Die Oberflächen der Platten sind gezeichnet
vom prägenden Einfluss der Kettensäge. Der Künstler verleiht der Oberfläche eine
Tiefenwirkung: Schatten wechseln, Spuren ziehen sich vertikal, diagonal, in verschiedenen
Winkeln durch die „Haut", die haptische Außengrenze des Holzkörpers zur Umgebung. Auf
dieser Oberfläche, ich würde sie eher „Strukturfläche" nennen wollen, da sie ja in den Raum
ragt, zeigt sich die Körperlichkeit des Objekts. Sie schreibt der Fläche eine Raumstruktur ein,
indem sie die Ebene dimensional ausbaut, die Materialität in ein intensives Charakterfeld
spannt. Das Mosaik wird tektonisch erweitert.
Tönung ohne Raumlicht gibt es nicht. So wie die Art jedes Lichts von den Bedingungen
seiner Erzeugung abhängig ist, bleibt die Tönung jedes Quadratzentimeters einer einzelnen
Platte an das Licht im Raum gebunden. Maßgeblich ist hier jedoch der Zusammenhang aller
Unterschiede: Sämtliche Platten sind voneinander verschieden, jede Platte aber reflektiert in
sich auch differenziert das Licht der Umgebung. Dank der Eigenschaften des oxidierten
Eichenholzes tritt die Arbeit aus der Totalen gesehen in ihrer Materialität an bestimmten
Stellen aus sich heraus in den Raum hinein oder in sich zurück. Diese optischen
Gewichtungen, Kontraste, Abstufungen, hellen und dunklen Wärmeregionen werden zu
tragenden Faktoren aller Komponenten des Reliefs. Es wird selbst zum Raum, den es
kommentiert, indem es sich durch seine Eigenschaften als Filter des Raumlichts begreifen
lässt. Die Synästhesie schafft hier den Zusammenhang. Der Betrachter wird Zeuge seiner
eigenen Einsicht in die Eigenschaften postmoderner Plastik: Die Elemente ergänzen sich in
ihrer Materialität und das Relief gewinnt Wirkung vom Objektcharakter zum Raumcharakter
durch Interaktion.
II. Teil und Ganzes
Die Grenzen des Objekts liegen innen. Breitensteins Reliefs als Boden- oder Wandarbeiten
verbreiten in warmen Brauntönen bis in blaue und graue oder rötliche Segmente schimmernd
zunächst ein Spannungsfeld im Farbspektrum. Die Oberflächen - gegeneinander gesetzt,
wiederholend, abgestuft, gedreht – sind Spiegel des Unterschieds, der Variation. Wölbungen,
Tiefen, Neigungen und Spitzen der Körperflächen betonen sogar eher die Eigenständigkeit
jeder einzelnen Platte. Doch könnte man schlecht von einem „Relief-Objekt" sprechen, wenn
es aus einer bloßen Sammlung oder Aneinanderreihung bestehen würde. Treffender also
müsste man von einem Relief mit äußerer Raumstruktur auf der einen sowie innerer
Verweisstruktur auf der anderen Seite sprechen. Diese Elemente sind die Partitur oder
Komposition des Reliefs. Die komplexe innere Struktur aus Teilflächen zeigt Rhythmen,
Wiederholungen, Kontraste. Abstufungen setzen Größenunterschiede, Farbnuancen und
Oberflächentendenzen in eine Beziehung. Im Unterschied nämlich wird das Maß erst greifbar.
Die Grenze des einen Elements zum anderen stellt seine Verwandtschaft zu diesem anderen
erst ins rechte Licht. Dieses konstruktive Netz aus inneren Verweisen provoziert ein „Lesen
des Unterschieds". Aus dem Unterschied zum Beispiel in Wärme, haptischer Eigenschaft oder
Tiefenwirkung entsteht nun recht eigentlich erst Identität. Der suchende Betrachter entdeckt
die Grenzen des Kunstwerks zur Außenwelt in der Übertragung der inneren Komposition auf
dessen Objektschema. Erst dort, wo die Verweise ins Leere laufen, wo die Unterschiede
verblassen, wo die Vergleiche fehlen, die Differenz verschwimmt, hörte das Kunstwerk als
Ganzes auf zu sein.
Ein Relief als Konturspiegel entfaltet sich erst in der Zeit. Nicht sogleich findet der
Betrachter aus der Vielfalt in die beruhigende Zusammenschau der Elemente. Aspekte von
Spannung und Entlastung begleiten den Prozess. Die Rückführung auf die Frage nach dem
Maß des Zusammenhalts findet sich in Symmetrie und Rhythmus, aufsteigender oder
absteigender Anordnung der Holzplatten, Wiederholung in Unterschied, Kontrast oder
Doppelung. Schließlich aber gründet das Relief in der Behauptung einer Wurzel aller
Unterschiede: Gewachsenheit. Das Holz als zentraler Stoff bestimmt Breitensteins Schaffen.
Es ermöglicht die Facetten der Gestaltung. Mit dem Holz verbinden wir auch unterschiedliche
künstlerische Ansätze, Epochen und Formen. Unter diesem Ansatz betrachtet greift das Relief
über sich hinaus. Man könnte die Reliefarbeiten als Objekte der Postmoderne begreifen, die
mit der Unverbindlichkeit spielen, sich über sie aber ernsthaft hinausbegeben und auf einen
gemeinsamen Anfang zurückverweisen. Hierin liegt vielleicht die Chance unserer Epoche und
dieses Ansatzes: Postmoderne kann also auch heißen über Teilung und Segmentierung
hinauszuwachsen, das Gemeinsame in der Kunst zu thematisieren, zu den Ursprüngen der
Unterschiede zurückzufinden. So wie die Blätter an einem Laubbaum im Herbst gehören die
Platten der Reliefs von Beat Breitenstein zu einem Stamm, einer Wurzel. Das Sein ist nämlich
erst in der Identität zuhause. Das gilt auch für die Konturen der Kunst im Relief der Epochen.
